Deutschsprachiges Theater als Medium des europäischen Kulturtransfers
Tagung des Kabinetts für das Studium des tschechischen Theaters / NIK in Kooperation mit Thalia Germanica
3.–6. Juni 2026 (Nekázanka 18, Praha 1)
Als Medium des kulturellen Austauschs bildete das professionelle deutschsprachige Schauspiel über Jahrhunderte Traditionen aus, deren Auswirkungen noch heute zu finden sind – auch in Ländern und Regionen, wo das Deutsche aufgrund der politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts als Mehr- oder Minderheitssprache weitgehend verschwunden ist. Diese Theatertraditionen ausschnittsweise zu rekonstruieren und in einer Zusammenschau Gemeinsamkeiten und Differenzen herauszuarbeiten, ist Ausgangspunkt der internationalen und interdisziplinären Tagung, die am 4. bis 6. Juni 2026 in Prag stattfindet. Die Beiträge dieser Konferenz bilden den Hauptinhalt zweier Ausgaben der Zeitschrift Divadelní revue (2026/2 und 2027/1). Die Konferenz ist eine Kooperation des Kabinetts für das Studium des tschechischen Theaters, NIK und Thalia Germanica.
Seit mehr als drei Jahrzehnten widmet sich Thalia Germanica der Erforschung dieser jahrhundertealten Transferprozesse mit ihren vielfältigen kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Implikationen, die bei aller Internationalität essentiell sind für die jeweiligen nationalen Identitäten. Denn nicht zuletzt im Austausch, in der Vermengung oder auch in Abgrenzung zu diesen deutschsprachigen Traditionen bildeten sich eigenständige Theaterkulturen aus.
Ziel der Tagung und des ihr gewidmeten Themenbands ist es, diese oftmals vergessenen, zuweilen auch verdrängten Traditionslinien des deutschsprachigen Theaters in ihren unterschiedlichen regionalen Ausprägungen und vielfältigen Facetten (Ensembles, Repertoires, Autor:innen, Musiker:innen, Theaterarchitektur etc.) wieder sichtbar zu machen. In der internationalen und interdisziplinären Darstellung der präsentierten Theaterkulturen sollen zumal die je eigenen Ressourcen der vertretenen Länder (Fachliteratur, Archive etc.) genutzt und durch die Methodik und Sichtweisen verwandter geisteswissenschaftlicher Fächer neue Forschungsimpulse gesetzt werden.
Programm
Mittwoch, 3. Juni 2026 (Anreisetag)
fakultativ: Besuch einer Don Giovanni-Aufführung im Stavovské divadlo/Ständetheater (19:00)
Donnerstag, 4. Juni 2026
09:00 Eröffnung Petra Ježková / Miroslav Lukáš (Kabinet pro studium českého divadla / NIK)
09:10 Begrüßung Kristel Pappel / Gabriella-Nóra Tar (Thalia Germanica)
Moderation: Gabriella-Nóra Tar
09:30 Christian Neuhuber (Graz): Andreas Elenson (1643–1706). Ein Leben im Thespiskarren
10:00 Ingrid Maier (Uppsala, mit Claudia Jensen, Seattle): Die ‚Moskauer Esther‘ – das erste Schauspiel des russischen Hoftheaters (1672)
10:30 Kaffeepause
Moderation: Kristel Pappel
11:00 Raluca Mureşan (Dijon, Paris): Graf Georg Csáky, Beamter und Privat-Theaterunternehmer: neue Einsichten in das adelige Theaterunternehmen des 18. Jahrhunderts
11:30 Jana Laslavíková (Bratislava/Preßburg): Neue methodologische Ansätze zur Erforschung deutschsprachiger Stadttheater in Zentraleuropa und die Sommertheater in Preßburg (Bratislava)
12:00 Orsolya Tamássy-Lénárt (Budapest): Theater zwischen den Sprachen: Dynamiken von Konkurrenz und Zusammenarbeit in Pest-Buda
12:30 Kaffeepause
Moderation: Orsolya Tamássy-Lénárt
13:00 Ursula Wittstock (Cluj-Napoca/Klausenburg): Im Spiegel der Presse: Theateralltag am Stadttheater in Hermannstadt (Sibiu/Nagyszeben) um 1900
13:30 Júlia Jakab (Cluj-Napoca/Klausenburg): Eine ungarische Schauspielerin und Operettenprimadonna im deutschsprachigen Theater Amerikas: Fallstudie über Ilka Pálmays transatlantischen Karriereversuch
14:00 Mittagspause
16:00 Führung im Stavovské divadlo/Ständetheater durch Regina Faltýnová (auf Deutsch)
Freitag, 5. Juni 2026
Moderation: Jana Laslavíková
09:00 Ewelina Damps (Gdańsk/ Danzig): Quod libet. Das Repertoire des deutschen Stadttheaters in Danzig in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
09:30 Marek Podlasiak (Toruń/Thorn): Neue Erkenntnisse zur Forschungsarbeit Bruno Satori-Neumanns über die Theatergeschichte Elbings
10:00 Szabolcs János (Oradea/Großwardein): Operette als urbane Praxis: Wien – Budapest – Großwardein – Temeswar
10:30 Kaffeepause
Moderation: Christian Neuhuber
11:00 Marko Motnik (Maribor/Marburg): Amalia und Caspar Maschek – ein musikalisches Unternehmerpaar im Theaterleben des vormärzlichen Laibachs (Ljubljana)
11:30 Milka Car (Zagreb/Agram): Zwischen Institution und Praxis: Theaterprinzipale und -intendanten als Akteure kultureller Vermittlung im Zagreber Theater des langen 19. Jahrhunderts
12:00 Anselm Heinrich (Glasgow): Theater im von den Deutschen besetzten Prag (Praha)
12:30 Mittagspause
Moderation: Miroslav Lukáš
15:00 Patrick Aprent (München, Wien): ‚Theatre Maps‘ – Was erzählen Karten über das (deutschsprachige) Theater des 19. Jahrhunderts in der Habsburgermonarchie?
15:30 Marcus Ebner, Andrea Gruber, Matthias J. Pernerstorfer (Wien): Zur Modellierung und Präsentation von Personen-, Orts- und Spielplandaten
im Anschluss společenský večer/geselliger Abend im Innenhofgarten Nekázanka 18 mit südmährischem Wein und offenem Ende
Samstag, 6. Juni 2026
Moderation: Christian Neuhuber
09:00 Gabriella-Nóra Tar (Cluj-Napoca/Klausenburg): Tschechische Künstler im Königreich Ungarn am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts: Der Theaterautor Franz Xaver Jiřík (Girzik)
09:30 Kristel Pappel, Harry Liivrand (Tallinn/Reval): Vom deutschen Stadttheater zum sowjetischen Kombinatstheater
10:00 Abschlussdiskussion: Zukunft des Forschungsfelds, Status quo und Perspektiven der Gesellschaft Thalia Germanica, Tagungspläne, Publikationen, weitere Vorhaben und Kooperationsmöglichkeiten